Cashflow-Prognose erstellen: Schritt-für-Schritt-Anleitung
10.3.2026
Eine solide Cashflow-Prognose ist das Fundament jeder Liquiditätsplanung. Sie zeigt Ihnen nicht nur, wie viel Geld auf dem Konto liegt, sondern wann welche Zahlungsströme eintreten – und ob Engpässe drohen. In dieser Anleitung führen wir Sie durch sechs erprobte Schritte, die sich speziell für kleine und mittlere Unternehmen bewährt haben.
Schritt 1: Planungshorizont festlegen
Bevor Sie eine einzige Zahl eintragen, klären Sie den Zeithorizont. Für die operative Steuerung hat sich ein rollierender 13-Wochen-Horizont etabliert. Ergänzend empfiehlt sich eine Monatsplanung für die nächsten 6–12 Monate, um strategische Investitionen und saisonale Schwankungen abzubilden. Entscheidend ist: Je kürzer der Horizont, desto genauer die Prognose. In den ersten vier Wochen planen Sie auf Tages- oder Wochenbasis, danach reichen Monatswerte.
Schritt 2: Einnahmen kategorisieren
Nicht jede Einnahme ist gleich sicher. Teilen Sie Ihre erwarteten Zahlungseingänge in drei Kategorien auf:
Sichere Einnahmen (Wahrscheinlichkeit > 90 %)
Darunter fallen bestehende Verträge mit festen Zahlungsterminen, bereits gestellte Rechnungen und wiederkehrende Abonnement-Erlöse. Bei einem KMU mit 500.000 € Jahresumsatz könnten das beispielsweise 25.000 € monatliche Abo-Einnahmen plus 8.000 € aus laufenden Wartungsverträgen sein.
Wahrscheinliche Einnahmen (50–90 %)
Angebote, die mündlich zugesagt wurden, Folgeaufträge von Bestandskunden oder saisonale Umsätze, die erfahrungsgemäß eintreten. In unserem Beispiel wären das vielleicht 5.000 € aus einer Projekterweiterung, die der Kunde voraussichtlich beauftragt.
Unsichere Einnahmen (< 50 %)
Offene Angebote, Neukundenakquise und spekulative Projektideen. Diese Werte fließen nur in das Best-Case-Szenario ein, nie in die Basisplanung.
Schritt 3: Ausgaben gliedern
Auf der Ausgabenseite unterscheiden Sie drei Arten:
| Kategorie | Beispiele | Monatlicher Betrag (Beispiel-KMU) |
|---|---|---|
| Fixkosten | Miete, Gehälter, Versicherungen, Software-Lizenzen | 28.000 € |
| Variable Kosten | Material, Freelancer, Provisionen, Portokosten | 7.000–12.000 € |
| Einmalige Ausgaben | Steuernachzahlung, Investitionen, Kautionen | variabel |
Fixkosten lassen sich präzise planen. Variable Kosten schätzen Sie anhand historischer Daten – idealerweise mit einem Drei-Monats-Durchschnitt. Einmalige Ausgaben tragen Sie zum erwarteten Fälligkeitsdatum ein.
Schritt 4: Saldo berechnen
Die eigentliche Prognose ergibt sich aus einer einfachen Formel:
Endbestand Woche n = Anfangsbestand + Einzahlungen − Auszahlungen
Für unser Beispiel-KMU könnte das in einer typischen Woche so aussehen:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Anfangsbestand | 45.000 € |
| + Einzahlungen (sicher) | 12.500 € |
| − Gehälter (anteilig) | −7.000 € |
| − Miete (anteilig) | −1.250 € |
| − Variable Kosten | −2.800 € |
| Endbestand | 46.450 € |
Fällt der Endbestand in einer Woche unter Ihren definierten Mindestbestand (empfohlen: zwei bis drei Wochen Fixkosten, hier ca. 14.000 €), leuchtet die Warnung.
Schritt 5: Szenarien bilden
Erstellen Sie mindestens drei Szenarien:
Best Case
Alle wahrscheinlichen Einnahmen treffen ein, Kunden zahlen pünktlich, keine ungeplanten Ausgaben. Endbestand nach 13 Wochen: 62.000 €.
Base Case
Nur sichere Einnahmen, durchschnittliche Zahlungsverzögerung von 8 Tagen, eine ungeplante Reparatur von 3.000 €. Endbestand nach 13 Wochen: 38.000 €.
Worst Case
Ein Großkunde verzögert die Zahlung um 30 Tage, variable Kosten steigen um 15 %, eine Steuernachzahlung von 8.000 € wird fällig. Endbestand nach 13 Wochen: 11.000 € – knapp unter dem Mindestbestand.
Die Szenarioanalyse zeigt, welche Stellhebel Sie haben: Zahlungserinnerungen beschleunigen, eine Kreditlinie vorsorglich einrichten oder variable Kosten frühzeitig senken.
Schritt 6: Wöchentlich aktualisieren
Eine Prognose ist nur so gut wie ihre letzte Aktualisierung. Planen Sie jeden Montagmorgen 30 Minuten ein, um drei Dinge zu tun:
- Ist-Werte eintragen: Vergleichen Sie die tatsächlichen Ein- und Auszahlungen der Vorwoche mit Ihrer Prognose.
- Abweichungen analysieren: War die Abweichung systematisch (z. B. immer zu optimistisch) oder einmalig?
- Horizont verlängern: Fügen Sie eine neue Woche am Ende hinzu und aktualisieren Sie die Schätzungen der kommenden Wochen.
Durch diesen Rhythmus erreichen Sie eine Prognosegenauigkeit von 85–95 % auf Vier-Wochen-Sicht. Unternehmen, die ihre Cashflow-Prognose regelmäßig pflegen, erkennen Engpässe im Durchschnitt sechs Wochen früher als solche, die nur monatlich planen.
Praxisbeispiel: Ein KMU mit 500.000 € Jahresumsatz
Um die sechs Schritte greifbar zu machen, betrachten wir ein fiktives IT-Dienstleistungsunternehmen mit fünf Mitarbeitern und 500.000 € Jahresumsatz. Die Einnahmen setzen sich zusammen aus 300.000 € Abo-Erlösen (sicher), 120.000 € Projektgeschäft (wahrscheinlich) und 80.000 € Neukundenakquise (unsicher).
Ausgangssituation im Januar
| Kategorie | Monatswert | Sicherheit |
|---|---|---|
| Abo-Einnahmen | 25.000 € | Sicher |
| Projekt X (Bestandskunde) | 10.000 € | Wahrscheinlich |
| Neukundenpipeline | 6.700 € | Unsicher |
| Gehälter inkl. Nebenkosten | 22.000 € | Fix |
| Miete + Nebenkosten | 3.200 € | Fix |
| Software-Lizenzen | 1.800 € | Fix |
| Variable Kosten (Freelancer, Reise) | 4.500 € | Variabel |
Im Base Case (nur sichere Einnahmen von 25.000 €, Fixkosten von 27.000 € plus variable Kosten von 4.500 €) ergibt sich ein monatlicher Netto-Cashflow von −6.500 €. Das bedeutet: Ohne Projekteinnahmen schrumpft die Liquidität jeden Monat. Diese Erkenntnis allein rechtfertigt den Aufwand der Prognose, denn sie zeigt, wie abhängig das Unternehmen von Projektumsätzen ist.
Maßnahmen aus der Analyse
Die Geschäftsführung leitet drei konkrete Maßnahmen ab: Erstens wird eine Kreditlinie über 30.000 € bei der Hausbank beantragt, solange die Liquidität noch komfortabel ist. Zweitens werden Zahlungserinnerungen automatisiert, um die durchschnittliche Forderungslaufzeit von 38 auf 28 Tage zu senken. Drittens wird ein monatliches Mindestziel für Abo-Neukunden definiert, um die Basis sicherer Einnahmen zu stärken.
Werkzeuge für die Umsetzung
Für den Einstieg genügt eine einfache Excel-Tabelle mit den beschriebenen Kategorien. Fortgeschrittene Nutzer können auf spezialisierte Liquiditätsplanungstools umsteigen, die automatische Bankanbindung, KI-gestützte Prognosen und Mehrwährungs-Support bieten. Entscheidend ist jedoch nicht das Tool, sondern die Disziplin: Eine manuell gepflegte Excel-Tabelle, die wöchentlich aktualisiert wird, schlägt jedes High-End-Tool, das nach der Einrichtung verstaubt.
Fazit
Die Cashflow-Prognose ist kein einmaliges Projekt, sondern ein lebendiges Steuerungsinstrument. Mit den sechs beschriebenen Schritten haben Sie eine Struktur, die sich in wenigen Stunden aufsetzen und in 30 Minuten pro Woche aktuell halten lässt. Der Aufwand lohnt sich: Wer seinen Cashflow kennt, trifft bessere Entscheidungen – und schläft ruhiger.